Kategorien
Allgemein Vegan / Vegetarisch

Veganer Lebensstil = nachhaltig?

Vegan? Das ist doch „viel zu extrem“, „übertrieben“ und „unnatürlich“. Solchen Aussagen begegnet man häufig, wenn es um dieses Thema geht.

Allein in Deutschland leben derzeit 1,3 Millionen VeganerInnen, Tendenz steigend. VegetarierInnen gibt es sogar deutlich mehr: 8 Millionen in Deutschland. Täglich kommen etwa 2000 VegetarierInnen und 200 VeganerInnen dazu. Es scheint so, als wäre die vegetarische Ernährung für die Mehrheit zumindest eher eine Option, als die vegane. Es bleibt die Frage: Stimmt die Meinung, die viele über Veganismus haben und ist dies sowieso nur ein Trend, der bald vorüber sein wird? Oder gibt es tatsächlich gute Gründe für einen veganen Lebensstil und hat dies möglicherweise mehr mit unserer Umwelt zu tun, als gedacht?


Gründe für einen veganen Lebensstil

Ökologische Gründe

Unter Anbetracht der aktuellen Umweltsituation und des Klimawandels sind die ökologischen Gründe von besonderer Dringlichkeit:

Weniger Treibhausgase: VeganerInnen verursachen 904 kg CO2-Emissionen, während VegetarierInnen für 1.160 kg und Fleischesser für 1.760 kg Treibhausgase verantwortlich sind.

ErnährungsweiseCO2-Verbrauch* (inkl. Äquivalente)
in Kilogramm pro Jahr
Wasserverbrauch**
in Kubikmeter pro Jahr
Vegan940710
Vegetarisch1.1601.060
Fleischesser1.7601.580
Quelle: *UBA CO2 Rechner **Water Footprint Network

Gegen den Klimawandel: Der Konsum tierischer Lebensmittel steht in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel. Durch eine vegane Ernährung können nicht nur CO2-Emissionen eingespart werden, sondern auch andere klimaschädliche Treibhausgase, wie z.B. Methan.

Weniger Wasserverbrauch: Die vegane Ernährung verbraucht etwa 710 Liter/ m³. Bei Vegetariern beträgt der Wasserverbrauch hingegen 1.060 Liter/ m³ und bei Fleischessern 1.580 Liter/ m³.

Weniger Verschmutzung des Trinkwassers: Ein Großteil der heutigen Wasserverschmutzung besteht in Gülle, Medikamenten und Pestiziden, was der tierischen Lebensmittelproduktion geschuldet ist. Die großen Mengen an Gülle begünstigen, dass Grundwasser und Böden mit Nitraten und Phosphaten belastet werden.

Weniger Bodendegradation: Nicht nur Gülle belastet die Böden, auch Monokulturen für Futtermittel stellen ein großes Problem dar. Diese, sowie Überweidung führen zu Bodenverdichtung und Erosionen. Die verschlechterte Bodenqualität wird die Ernährungssicherung in Zukunft zusätzlich gefährden.

Tropische Regenwälder müssen für den Sojaanbau weichen (Foto: Carlos Quilles)

Gegen die Zerstörung von Wäldern: Der Großteil der Flächen, für die der Wald weichen muss, sind für den Futtermittelanbau bestimmt. Soja wird z.B. als Futtermittel in der Viehhaltung eingesetzt. Allein in Deutschland stammen über 80 % der importieren Sojen aus Südamerika, wo aus diesem Grund tropischer Regenwald zerstört wird.

Gegen die Überfischung der Meere: Findet weiterhin so viel Fischfang statt wie derzeit, so wird prognostiziert, dass 2050 die Ozeane leergefischt sein werden. Doch auch jetzt schon schrumpfen die Artenbestände drastisch in Meeresökosystemen aufgrund der Überfischung.

Gegen die Verringerung der Artenvielfalt: Sowohl auf dem Land als auch im Wasser wird der Lebensraum vieler Arten wegen der Produktion tierischer Lebensmittel bedroht, was auf lange Sicht die Artenvielfalt stark einschränken wird.

Ethische Gründe

Die folgenden ethischen Gründe sind für den Großteil der VeganerInnen die grundlegende Intention diese Ernährung zu verfolgen:

Der Großteil der in Deutschland verzehrten tierischen Produkte kommt aus der Massentierhaltung (Foto: Greenpeace)

Kein Töten/ Ausbeuten von Tieren: Allein in Deutschland sterben etwa 630 Millionen Hühner, 58 Millionen Schweine und über 3 Millionen Rinder jährlich für den Lebensmittelmarkt. Der Großteil von ihnen hat das kurze Leben in Massentierhaltung verbracht.

Kein Kükenschreddern: 45 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland getötet, da ihre Aufzucht nicht lohnen würde. Diese Küken wurden, im Vergleich zu Masthähnen, so gezüchtet, dass sie viele Eier legen.

Gegen die Milchindustrie: Milchkühe werden geschlachtet, sobald die „Leistung“ nachlässt, was bereit nach wenigen Jahren dauerhafter Milchproduktion der Fall ist. Um beständig Milch zu geben, werden die Kühe künstlich geschwängert und das Kalb wird früh von der Mutter getrennt. Männliche Nachkommen werden in der Regel sofort geschlachtet.

Gegen miserable Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben: Der Corona-Vorfall bei „Tönnies“ hat erneut gezeigt, wie menschenunwürdig die Arbeits- und Lebensbedingungen für viele der Mitarbeiter sind. Häufig kommen die Angestellten aus dem Ausland, werden nicht gut bezahlt und wohnen zusammengepfercht in Massenunterkünften.

Für die Ernährungsgerechtigkeit: 83 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden für den Futtermittelanbau oder als Weideland genutzt. Die Tierhaltung ist somit sehr ineffizient, besonders unter Betrachtung der Tatsache, wie viele Menschen weltweit hungern müssen.

Keine Tiere als Kleidung, Unterhaltung, Versuchsobjekte, Möbel etc.: Veganismus geht über den Aspekt der Lebensmittel hinaus. Egal ob es Tierversuche sind, Daunenjacken oder Delfinshows, fast jede Branche, die mit Tieren arbeitet, beinhaltet ein Einsperren und Ausbeuten dieser.

Gesundheitliche Gründe

Für viele VeganerInnen sind die gesundheitlichen Gründe lediglich nette Nebeneffekte einer veganen Ernährung, dennoch sind diese nicht zu unterschätzen:

75 % aller in Deutschland verschriebenen Antibiotika werden von Nutztieren eingenommen, nur 25 % von Menschen (Foto: agrafoto.com)

Keine Antibiotika/ Medikamente: Es ist vor allem der Massentierhaltung geschuldet, dass eine Verbreitung von Viren und Bakterien deutlich wahrscheinlich ist, weswegen den Tieren Medikamente, u.a. Antibiotika, zugefüttert werden, welche Menschen mit dem Verzehren dieser Produkte aufnehmen.

Weniger Cholesterin: Besonders in tierischen Produkten ist viel Cholesterin enthalten, was häufig für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich ist.

Gegen Krebserkrankungen: Pflanzliche Proteine wirken, im Vergleich zu tierischen Proteinen, krebshemmend. Im Gegensatz wird beispielsweise Fleisch von der WHO als Karzinogen der Gruppe 1 bezeichnet und ist damit genauso krebserregend wie z.B. Rauchen oder Röntgenstrahlung. Eine Metaanalyse von 18 Studien hat ein reduziertes Krebsrisiko von 15 % für VeganerInnen festgestellt.

„Klimakiller“ Avocado?

Apropos: Klimasünder Avocado – Die Trendfrucht unter den VeganerInnen

Wer kennt sie nicht – die Avocado? Die Avocado hat sich in den letzten Jahren einer großen Beliebtheit und Nachfrage erfreuen können, besonders unter VegetarierInnen und VeganerInnen. Freuen? Nicht alle freut das. Zumindest nicht das Klima und viele Kleinbauern.
Die meisten Avocados legen weite Strecken zurück, bis sie in den Supermarktregalen bei uns in Deutschland landen. Egal ob sie in gekühlten Containerschiffen aus Peru kommen oder mit dem Flugzeug aus Israel, so oder so geht dieser Weg mit hohen CO2-Emissionen einher. Im Vergleich zu anderen Früchten, die ebenfalls weite Strecken zurücklegen, hat die Avocado einen zusätzlichen Minuspunkt vorzuweisen: Den hohen Wasserverbrauch. Für ein Kilogramm Avocados werden durchschnittlich 1000-1500 Liter Wasser benötigt. Da Avocados vor allem in Ländern angebaut werden, in den ohnehin Wassermangel ein großes Problem ist, treibt der Anbau der Frucht ökologische Schäden und Trinkwassermangel weiter voran. Hinzu kommt, dass viele Kleinbauern aufgrund der steigenden Nachfrage von Großkonzernen vertrieben und Waldrodungen für neue Plantagen in Kauf genommen werden.

Also: Avocados sollten möglichst selten auf dem Speiseplan stehen und wenn doch, dann ist es sinnvoll zumindest auf zertifizierte Bio-Siegel zu achten. Trotz dieser schlechten Bilanz sollte eines nicht vergessen werden: Unter allen Lebensmitteln kann die Avocado dennoch nicht als größter „Klimakiller“ gelten, da Emissionswerte und Wasserverbrauch von anderen Lebensmitteln weit überstiegen werden. Vergleichsweise beträgt der Wasserverbrauch für ein Kilogramm Rindfleisch durchschnittlich 15.000 Liter.

Datenquelle: https://bit.ly/2OethGR

Ist vegan per se nachhaltiger?

Ja und nein. Prinzipiell ist die vegane Ernährungsform nachhaltiger als eine reine Mischkost, besonders unter Anbetracht des Klimawandels und weiterer Umweltprobleme. Dennoch kann keine allgemeine Aussage getroffen werden. Vergleicht man z.B. einen Veganer, der viele Ersatzprodukte konsumiert – welche häufig in viel Plastik verpackt sind -, der viel Kaffee trinkt und überwiegend Obst sowie Gemüse aus Übersee isst, mit einer Person, die zwar Fleisch und Milchprodukte isst, jedoch nur sehr wenige Male im Monat und ansonsten vor allem regionale Produkte verzehrt, so bleibt fragwürdig, wer die nachhaltigere Ernährung verfolgt.

Veganismus ist definitiv umweltfreundlich, ist jedoch nicht die Lösung für alles und stößt an manchen Stellen an gewisse Grenzen. Beispielsweise muss bedacht werden, dass nicht alle landwirtschaftlichen Flächen (die derzeit für die Tierhaltung genutzt werden) für den Anbau pflanzlicher Lebensmittel taugen. Zudem gibt es noch gewisse Schwierigkeiten, was das vegane Angebot betrifft. Manchmal sind die beiden nachhaltigen Aspekte „vegan“ und „regional“ nicht vereinbar, weshalb ein Veganer bei mangelndem Angebot eine Restaurant-Kette einem regionalen Anbieter vorzieht, nur weil große Unternehmen bereits frühzeitig veganes Essen in ihr Sortiment aufgenommen haben. Das vegane Angebot ist zwar in den letzten Jahren deutlich gestiegen und tut es noch immer, jedoch verhält es sich besonders in ländlich geprägten Gebieten problematisch und Verzicht ist für die Mehrheit der Bevölkerung keine Option.


Was du tun kannst

Sich nachhaltig zu ernähren ist nicht einfach. Hier sind einige Tipps, wie du deine Ernährung ein Stück weit veganer und nachhaltiger gestalten kannst:

  • Akzeptanz und Verständnis: Auch wenn du es aus deiner Sicht nicht nachvollziehen kannst, warum Menschen vegan leben oder dir einen veganen Lebensstil nicht vorstellen kannst, hab Verständnis und begegne VeganerInnen mit dem nötigen Respekt, denn nun kennst du deren Gründe.
  • Verbreite dein Wissen: Sprich mit anderen über Ernährung und erkläre, warum eine vegane Ernährung Sinn macht (egal, ob du selbst vegan lebst oder nicht).
  • Sei offen für Neues: Probiere einfach mal vegane Gerichte und lege deine Skepsis ab. Viele Gerichte sind ohnehin vegan und du isst sie bereits, z.B. eine Gemüsepfanne oder „Oreos“.
  • Reduzierung tierischer Produkte: Versuche immer öfter tierische Produkte in deinem Speiseplan zu vermeiden. Probiere vielleicht mal eine vegetarische oder vegane Woche aus. Und denke beim Einkauf immer daran: Dein Einkaufszettel ist eine Art Stimmzettel, denn Nachfrage bestimmt das Angebot.
  • Bevorzuge ökologisch hergestellte und regionale Produkte: Fleisch ist nicht gleich Fleisch und Tomaten sind nicht gleich Tomaten. Wem es schwer fällt auf tierische Produkte zu verzichten, der kann dennoch auf den Ursprung sowie die Herstellung des Produktes achten und idealerweise zu Bio-Fleisch statt dem aus der Massentierhaltung greifen. Regionale und ökologisch angebaute Produkte sind in der Regel nachhaltiger als konventionelle. Dies gilt auch für pflanzliche Lebensmittel.
  • Vegane Ersatzprodukte vermeiden: Wenn du bereits vegan lebst oder es möchtest, versuche nicht allzu oft auf Ersatzprodukte zurückzugreifen. Es ist toll, dass es sie gibt und hin und wieder kann man dazu greifen, jedoch sollte nicht unterschätzt werden, dass diese häufig in viel Plastik verpackt sind und die Inhaltsstoffe nicht grundsätzlich gesund sind (nur weil es vegan ist).
  • Nicht stressen lassen: Niemand ist perfekt! Falls du vor hast in Zukunft vegetarisch oder vegan zu leben, dann muss das nicht von heute auf morgen passieren. Lass dir Zeit für diesen Prozess und erlaube dir Ausnahmen. Du wirst bestimmt merken, wie leicht es dir nach einiger Zeit fällt und wie viel Zuspruch du bekommen wirst.

Bildnachweis (Titelbild): marilyna (iStockphoto)

Von Melanie

Melanie ist seit Juni 2020 bei der Lokalen Agenda aktiv und schreibt unter anderem für FairWeg. Ihr ist ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt wichtig, ebenso wie Gerechtigkeit und Respekt vor allen Lebewesen.