Du bist da – und jeder Reiz wirkt "zu viel"
Der Raum ist voll. Musik läuft. Stimmen prallen von allen Seiten. Das Licht flackert, irgendwo blitzt eine LED-Leiste. Du hast dir vorgenommen, es auszuhalten – du willst ja teilnehmen. Du lächelst, nickst, versuchst die richtigen Momente zu erwischen. Aber dein Körper arbeitet längst im Krisenmodus: Reize stapeln sich, die Orientierung wird schwierig, und jede neue Kleinigkeit zieht Energie ab.
Vielleicht gehst du kurz raus, hoffst auf Luft – und merkst, dass du nicht weißt, ob du später wieder rein darfst oder wohin du dich zurückziehen könntest. Vielleicht gibt es keinen ruhigen Ort. Vielleicht weiß niemand, wer dir helfen kann. Und am Ende gehst du früher. Nicht, weil du „nicht willst“, sondern weil das Setting für dich nicht steuerbar war.
Warum Neurodivergenz die Inklusionslogik schärft
Die FairWeg-Handreichung definiert Neurodivergenz als Abweichen von einer als „neurotypisch“ bezeichneten Arbeitsweise des Gehirns (z. B. in Informationsverarbeitung, Lernverhalten, Reaktionsvermögen). Als Beispiele nennt sie u. a. ADHS, Autismus oder Lernbeeinträchtigungen wie Dyskalkulie oder Legasthenie. Gleichzeitig wird betont: Betroffene wehren sich gegen eine Pathologisierung – der Begriff soll auf neurologische Vielfalt hinweisen (Handreichung „Inklusiver Veranstalten“, S. 44).
Für „inklusives fairanstalten“ ist das eine wichtige Erinnerung: Barrieren sind nicht nur Treppen oder fehlende Untertitel. Sie sind oft unsichtbar – und trotzdem entscheidend. Gerade bei Neurodivergenz kippt Teilhabe häufig nicht an „Dürfen“, sondern an „Steuern können“: Reize, Unklarheit, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und fehlende Informationen machen Teilnahme praktisch riskant.
Mini-Box: Drei Fragen für die Planung
Welche Barrieren typisch sind – und warum sie so schwer zu sehen sind
Die Handreichung nennt mehrere Barrieren, die auf Veranstaltungen für Menschen mit Neurodivergenz relevant werden können:
Vier Stellschrauben, die sofort wirken (und nicht „alles“ verlangen)
1) Normalisieren statt stigmatisieren
Neurodivergente Personen müssen oft erklären, rechtfertigen oder „maskieren“. Das kostet Energie – und verschiebt die Last auf die Betroffenen. Ein inklusives Setting nimmt Druck raus, indem es Spielräume als normal markiert: Sonnenbrille drinnen, Ohrstöpsel, Pausen, Rückzug – nicht als Sonderfall, sondern als legitime Selbststeuerung (Handreichung, S. 45).
2) Planbarkeit herstellen: Gegebenheiten vorab kommunizieren
Die Handreichung wird hier sehr konkret: Kommunikation der Gegebenheiten vor Ort kann z. B. Programmablauf, Raumaufbau oder fehlende Frischluft betreffen; ebenso Hinweise vorab auf Licht- oder Soundeffekte (Handreichung, S. 46).
Das ist keine „Nice-to-have“-Info. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen selbst entscheiden können, ob und wie sie teilnehmen – und wie sie sich vorbereiten.
3) Rückzug + kleine Hilfen: nicht teuer, aber entscheidend
Als Maßnahmen nennt die Handreichung u. a. Rückzugsräume oder -zelte (besonders bei größeren Veranstaltungen). Oft helfe schon eine Decke, unter die sich eine Person begeben kann. Außerdem: idealerweise Ohrstöpsel und/oder Sonnenbrillen zum Ausleihen, sowie Stimming Toys (z. B. Fidget Spinner, Stressball) zur taktilen Ablenkung – vor Ort oder im Rückzugsraum (Handreichung, S. 46).
Für Trier und Region verweist die Handreichung zusätzlich auf den „Awareness-Koffer“ als ausleihbares Tool mit praktischen Hilfsmitteln, die direkte und indirekte Barrieren abbauen und bei diskriminierenden Erfahrungen oder Orientierungsschwierigkeiten unterstützen (Handreichung, S. 47).
4) Perspektiven einbeziehen: Rücksprache statt Rätselraten
Neurodivergenz ist vielfältig; deshalb betont die Handreichung: Wichtig ist vor allem die Rücksprache mit den Besuchenden selbst, damit Individualbedarfe in der Planung bedacht werden können. Außerdem könne eine Veranstaltung durch Austausch mit Expert:innen für Neurodivergenz vor Ort am besten inklusiver gestaltet werden, weil Maßnahmen je nach Format sehr unterschiedlich ausfallen (Handreichung, S. 46).
Das ist ein starkes Brückenprinzip zur Theorie: Parität heißt praktisch auch, dass Betroffene nicht nur „mitgemeint“ sind, sondern als Wissensquelle zählen – bevor Entscheidungen festgeschrieben sind.
Cross-check: Inklusion ist auch im Nachhaltigkeits-Toolkit sichtbar
Auch die Nachhaltigkeits-Checkliste der Stadt Trier führt Inklusion/Partizipation/Diversity als eigenen Block: barrierefreie Veranstaltung, inklusive und diskriminierungsfreie Sprache, ausgewogene Besetzung von Speaker:innen/Acts und Möglichkeiten, Gäste aktiv einzubeziehen (Checkliste „Nachhaltiges Veranstalten“, S. 4).
Für Teil 5 ist der Punkt nicht: „Nachhaltigkeit erklärt Neurodivergenz“. Sondern: Inklusion wird in diesem Toolkit als Teil verantwortlicher Veranstaltungspraxis verstanden – und Neurodivergenz zeigt, wie stark diese Verantwortung an Kommunikation, Raumgestaltung und an kleinen Unterstützungsoptionen hängt.
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Was Teil 5 nicht behauptet