FairWeg-Blogserie Teil 1 – Wenn „Willkommen“ nicht reicht

von Johannes
8. Januar 2026

Hinweis: Inklusion beginnt mit Offenheit und Neugierde gegenüber unbekannten Situationen und Perspektiven. Diese Blogfolge ergänzt die FairWeg-Handreichungen und Leitfäden und stellt einen Versuch dar die Perspektive zu wechseln. Sie liefert vor allem einen Deutungs- und Begründungsrahmen; das konkrete „Wie“ steht in den verlinkten Praxisdokumenten. 

 

Wenn „Willkommen“ eine Vermutung bleibt

Du siehst die Ankündigung und denkst: Klingt gut, da will ich hin. Dann beginnt das, was für viele nicht dazugehört – und für andere der eigentliche Eintritt ist.

Du scrollst. Suchst nach einer Info, die dir Sicherheit gibt: Ist der Eingang stufenlos? Gibt es eine barrierefreie Toilette – und ist sie offen oder abgeschlossen? Wie laut wird es? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten? Und: Wen kann ich fragen, ohne mich erklären zu müssen?

Wenn diese Informationen fehlen oder schwer auffindbar sind, entsteht zusätzliche Organisationsarbeit – und Teilnahme wird praktisch unwahrscheinlicher. Die FairWeg-Handreichung beschreibt, dass Informationen zur Barrierefreiheit über den Internetauftritt im schlechtesten Fall gar nicht abrufbar sind, und betont die Bedeutung klar benannter Ansprechpartner:innen (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 10).

Was hier eigentlich passiert

Veranstaltungen sind keine klassischen Rechtssysteme. Aber sie setzen Regeln und erzeugen Situationen, die für Teilnehmende verbindlich sind: Ort, Zeit, Ticketing, Programm, Kommunikationskanäle, Hausrecht, Sicherheit, Moderation. Wer davon betroffen ist, braucht mehr als gute Absichten – er oder sie braucht Adressierbarkeit: Es muss irgendwohin gehen können, wenn es eine Frage, einen Bedarf oder einen Einwand gibt.

Der Minimalanspruch, den diese Blogserie stark macht, ist deshalb nicht Perfektion, sondern Verlässlichkeit: Teilnahme soll planbar sein, und Einwände sollen eine erkennbare Adresse finden.

Drei Fragen, die „inklusives fairanstalten“ konkret machen

Kurzer Selbstcheck (pro Veranstaltung):
1) Wer wird durch Ablauf, Regeln oder Kommunikation faktisch betroffen – auch wenn er/sie am Ende nicht kommt?
2) Was muss vorab transparent sein, damit Teilnahme planbar wird (und nicht „erfragt“ werden muss)?
3) Wo landet ein Bedarf oder Einwand – und was passiert dann damit (Kontaktweg, Zuständigkeit, Rückmeldung)?

Perspektive dieser Serie

FairWeg hat bereits sehr konkrete Praxisdokumente. Die Handreichung zeigt detailliert, woran inklusive Planung in der Praxis hängt – unter anderem an verständlicher Kommunikation, an der Event-Website und an klar benannten Ansprechpersonen (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 10). Sie betont außerdem ausdrücklich, dass barrierefrei veranstalten kein unerreichbares Ideal ist, sondern Mut zum Anfangen, Offenheit für blinde Flecken und Reflexion als Prozess braucht – und dass man beim inklusiven Veranstalten „keinen größeren Fehler“ machen könne, als es gar nicht erst zu versuchen (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 27).

Der Nachhaltigkeits-Leitfaden für Trier setzt eine ähnliche Tonlage: Er will lokal konkrete Impulse geben und betont die Logik „Nicht alles auf einmal, sondern eins nach dem anderen“ (Leitfaden Nachhaltige Veranstaltungen in Trier, S. 5). Die dazugehörige Checkliste macht denselben Pragmatismus operational: Ein erstes Ziel könne sein, in jeder Kategorie mindestens eine Maßnahme abzuhaken (Checkliste Nachhaltiges Veranstalten, S. 1).

Diese Blogserie ergänzt das: Sie erklärt, warum bestimmte Praxisbausteine nicht bloß „Service“ sind, sondern Minimalbedingungen dafür, dass Inklusionsansprüche nicht an fehlender Planbarkeit scheitern.

Transparenz ersetzt keine Barrierefreiheit – verhindert aber Überraschungs-Ausschlüsse

Eine klare Information macht aus einer Treppe keine Rampe. Aber fehlende Information produziert einen besonders unfairen Ausschluss: Teilnahme wird zur Mutprobe, weil Menschen erst vor Ort (oder gar nicht) herausfinden, ob und wie es geht.

Die Handreichung formuliert das sehr konkret am Beispiel des Internetauftritts: Für viele Menschen kann die Website selbst eine Hürde sein; Gründe können unter anderem eine komplexe Bedienfläche, geringe Kontraste, zu kleine Schrift oder fehlende Untertitel sein (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 10). Gleichzeitig zeigt sie, warum vorab kommunizierte Gegebenheiten zentral sind: Fragen zu Eingang, Hilfsmitteln, Leitsystemen sowie Aufzügen oder Rampen seien für Teilnahme „essentiell“; daher solle man die Gegebenheiten vor Ort kommunizieren (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 10).

„Je früher, desto besser“ ist kein Moral-Satz

Ein wiederkehrender Praxisbefund lautet: Je früher Barrierefreiheit in die Planung integriert wird, desto einfacher und wirtschaftlicher wird die Umsetzung (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 17 & S. 37). Das ist nüchtern betrachtet ein Organisationsargument: Wer erst am Ende nachrüstet, zahlt fast immer mehr – an Geld, Zeit und Kompromissen.

Drei Dinge zum Mitnehmen

  1. Barriere-Infos sind Zugang. Sie entscheiden oft darüber, ob Teilnahme überhaupt in Betracht kommt
  2. Eine erkennbare Adresse ist Inklusion. Klare Ansprechpartner:innen und Rollenverteilungen sind Teil der Infrastruktur
  3. Kommuniziere Grenzen so, dass Menschen planen können. Gerade bei Neurodivergenz kann fehlende Kommunikation zur Hürde werden; zusätzliche Angaben auf der Event-Website helfen, sich vorzubereiten

Zum Weiterklicken

Für das konkrete „Wie“ (Checklisten, Standards, Beispiele) findet ihr hier die weiterführenden Materialien:

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