Nach dem Event: Die Nachricht, die hängen bleibt
Am nächsten Morgen sitzt du am Handy. Die Fotos sehen gut aus. Die Zahlen stimmen. Im Team-Chat kommen Herz-Emojis und „War mega“-Nachrichten. Dann ploppt eine DM auf. Kein Shitstorm, kein Drama – nur ein Satz, der nicht mehr weggeht:
„Ich wollte bleiben, aber es war zu laut und ich wusste nicht, wohin ich mich zurückziehen kann. Ich habe niemanden gefunden, der zuständig ist.“
Du spürst sofort den Reflex: Wir haben doch… / Das stand doch irgendwo… / Wir können nicht alles… Und gleichzeitig merkst du: Genau hier entscheidet sich, ob „inklusives fairanstalten“ eine Haltung bleibt – oder ein Lernprozess wird.
Warum Teil 6 nicht mit Perfektion anfängt - sondern mit Routine
Die FairWeg-Handreichung formuliert das sehr klar: Keine Veranstaltung kann und muss „auf Anhieb“ zu 100 Prozent perfekt barrierearm organisiert sein. Entscheidend sind Ziele, die Schritt für Schritt umgesetzt werden – und eine Praxis, die Fehler als Anlass zur Reflexion nutzt (Handreichung „Inklusiver Veranstalten“, S. 36).
Das ist kein „Freifahrtschein“. Es ist eine Priorisierung: Wenn Inklusion ernst gemeint ist, muss sie wiederholbar werden. Und wiederholbar wird sie nicht durch einmalige Heldentaten, sondern durch Lernroutinen.
In einem Gastbeitrag in der Handreichung wird das noch zugespitzter formuliert: „[…] keinen größeren Fehler […] als […] es gar nicht erst zu versuchen“ (Handreichung, S. 27). Der Punkt ist nicht, Kritik zu relativieren. Der Punkt ist, sie so zu verarbeiten, dass daraus beim nächsten Mal etwas folgt.
Mini-Box: Drei Fragen, die aus Kritik Lernen machen
Die Lernschleife „light“: fünf Schritte, die Teams wirklich durchhalten
1) Signale sammeln – nicht nur Beschwerden
Viele Barrieren zeigen sich nicht als „Beschwerde“, sondern als stiller Rückzug: Menschen gehen früher, kommen nicht wieder, oder bleiben unsichtbar. Eine Lernschleife beginnt deshalb mit offenen Signalen: kurze Umfrage, Gespräch nach dem Event, niedrigschwelliger Kanal. Der Nachhaltigkeits-Leitfaden empfiehlt ausdrücklich, Beteiligte in die Planung einzubeziehen – z. B. „durch Feedback“, um festzustellen, was verbessert werden kann und was gut war (Leitfaden „Nachhaltige Veranstaltungen in Trier“, S. 27).
2) Trennen: Mindeststandard vs. „wäre schöner“
Nicht jede Kritik verlangt sofort die Totalüberholung. Aber manche Punkte sind nicht optional, wenn Teilhabe überhaupt adressierbar sein soll: fehlende Vorab-Infos, fehlende Ansprechperson, nicht auffindbare Hilfewege. Das sind keine „Luxuswünsche“, sondern Basis-Infrastruktur, damit Menschen planen und sich im Event zurechtfinden können (Handreichung, S. 36; Leitfaden, S. 27).
3) Dokumentieren: Was ändern wir – und was (noch) nicht?
Ein häufiger Bruch ist nicht der Fehler selbst, sondern die Unsichtbarkeit des Lernens. Dokumentation muss nicht bürokratisch sein: Ein kurzer interner „Was hat nicht funktioniert?“‑Zettel reicht als Start. Für die Öffentlichkeit genügt oft ein kleiner Abschnitt „Was wir beim nächsten Mal verbessern“. Das ist Transparenz im praktischen Sinn: Gründe werden nachvollziehbar, auch wenn nicht alles sofort lösbar ist (Leitfaden, S. 27–28).
4) Kommunizieren ohne Greenwashing und ohne Inklusions-PR
Der Nachhaltigkeits-Leitfaden hat dafür eine klare Überschrift: „Gutes tun und darüber sprechen“. Er verbindet Transparenz mit Glaubwürdigkeit – und betont, dass Kommunikation motivieren kann, wenn sie konkret und nachvollziehbar ist (Leitfaden, S. 27). Übertragen auf Inklusion heißt das: nicht „Wir sind barrierefrei“, sondern „Das geht – das geht (noch) nicht – und hier bekommst du Hilfe“.
5) Im Team verankern: Ziele, Zuständigkeiten, Schulung
Lernen bleibt Zufall, wenn es nur im Kopf einzelner hängt. Die Checkliste der Stadt Trier setzt deshalb auf Team-Verankerung: Mitarbeitende bekommen nachhaltige Ziele und Kriterien vermittelt und werden in diesen geschult (Checkliste „Nachhaltiges Veranstalten“, S. 6). Und: Für den Einstieg gilt „nicht alles auf einmal“ – ein erstes Ziel könne sein, in jeder Kategorie mindestens eine Maßnahme umzusetzen (Checkliste, S. 1).
Für „inklusives fairanstalten“ ist das eine hilfreiche Übersetzungsregel: Lieber wenige, aber verlässlich geregelte Schritte (z. B. Ansprechperson + klare Vorab-Infos + Rückzugsmöglichkeit), als viele gute Absichten ohne Zuständigkeit.
Cross-check: „Nicht alles auf einmal“ ist kein Rückzug – sondern eine Strategie
Im Leitfaden wird der Einstieg sehr pragmatisch gerahmt: „Nicht alles auf einmal, sondern eins nach dem anderen“ (Leitfaden, S. 5). Das ist nicht die Einladung, Probleme zu vertagen. Es ist die Aufforderung, Veränderung so zu bauen, dass sie durchhaltbar wird.
Kritisch wichtig ist die Reihenfolge: Was Teilhabe überhaupt ermöglicht (Planbarkeit, Zuständigkeit, Hilfewege), gehört nach vorn. Was „nur“ Qualitätssteigerung ist, kann danach Schritt für Schritt folgen. Genau diese Unterscheidung macht Lernprozesse fair – auch gegenüber den eigenen Ressourcen.
Was Teil 6 nicht behauptet
Kurzschluss: Die Serie in einem Satz
Inklusives fairanstalten heißt nicht: Alles muss perfekt sein. Es heißt: Teilhabe planbar machen, Zuständigkeiten sichtbar machen, interne Ausschlüsse ernst nehmen – und Kritik so verarbeiten, dass beim nächsten Mal weniger am Zufall hängt.
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