FairWeg-Blogserie Teil 2 – Transparenz ist Planbarkeit: Wie Teilhabe eine Adresse findet

von Johannes
9. Januar 2026

Du willst nur wissen, ob du kommen kannst

Du liest „barrierefrei“ in der Ankündigung. Das klingt gut – aber was heißt das hier eigentlich? Ist nur der Zugang stufenlos oder gibt es ein vollständiges Mobilitäts-Konzept? Ist die eine barrierefreie Toilette wirklich nutzbar? Gibt es Effekte, grelles Licht, laute Musik? Wo ist ein ruhiger Ort, wenn es zu viel wird? Und: Wen kann man fragen, ohne dass es zu Überforderung kommt oder sich wie eine Sonderbehandlung anfühlt?

Für viele Menschen ist das keine Detailneugier, sondern die Voraussetzung, um den Abend überhaupt planen zu können. Die Handreichung "inklusiver Veranstalten" macht diesen Punkt sehr direkt: Wenn Barriere-Informationen fehlen oder nicht zugänglich sind, müssen Betroffene individuell nachfragen – das ist Mehraufwand für sie, und oft auch für das Orga-Team. Genau deshalb empfiehlt es sich, Aspekte der Barrierefreiheit vorab zu kommunizieren – sogar dann, wenn nicht alles barrierefrei ist (Handreichung Inklusiver Veranstalten, S. 40).

Was Transparenz hier bedeutet

Transparenz heißt in diesem Kontext nicht: Alles offenlegen, alles erklären, alles perfekt machen. Transparenz heißt: Die Veranstaltung wird so gestaltet, dass Teilnehmende ihre Teilnahme realistisch einschätzen können – und dass Fragen, Bedarfe und Einwände eine erkennbare Adresse haben.

Man kann das als „Rekonstruierbarkeit“ beschreiben: Menschen müssen nachvollziehen können, (a) welche Informationen entscheidungsrelevant sind, (b) wo diese Informationen verlässlich stehen, und (c) wer zuständig ist, wenn etwas nicht funktioniert. Ohne diese Rekonstruierbarkeit bleibt „Willkommen“ eine Hoffnung statt einer Struktur.

Transparenz-Check in drei Fragen

1) Planbarkeit: Welche Infos braucht man vorab, um „kommen/bleiben/gehen“ zu entscheiden (Zugang, Orientierung, Rückzug, Unterstützungen, Hinweise zu Reizen)?

2) Auffindbarkeit: Wo stehen diese Infos – und ist dieser Ort selbst barrierearm erreichbar (Website, Ticketing, Beschilderung vor Ort)?

3) Zuständigkeit: Wer kann verbindlich helfen oder entscheiden – und wie ist diese Ansprechbarkeit sichtbar gemacht (Kontakt, Awareness, Team-Briefing)?

Vorab-Kommunikation: Nachfragen reduzieren, ohne zu beschönigen

In der Handreichung steht ein Satz, der als Leitidee taugt: Selbst wenn nicht alles barrierefrei ist, hilft es mobilitätseingeschränkten Menschen enorm, wenn Aspekte der Barrierefreiheit vorab kommuniziert werden (Handreichung, S. 40). Das ist eine wichtige Erkenntnis: Nicht jede Veranstaltung kann alles leisten – aber jede Veranstaltung kann ehrlich und konkret kommunizieren, was geht, was nicht geht und welche Alternativen es gibt.

Zwei praktische Konsequenzen daraus: Erstens: „Barrierefrei“ als pauschales Label ist zu grob – entscheidend sind konkrete, prüfbare Angaben. Zweitens: Der Informationsort muss stabil sein. Die Handreichung schlägt z. B. vor, dass Plakate auf die Website verweisen können, wenn dort mehr Platz für Details ist, und dass ein Piktogramm-System zentrale Aspekte kurz sichtbar machen kann (Handreichung, S. 10).

Website: Wenn der Zugang schon am Bildschirm scheitert

Transparenz funktioniert nur, wenn die Informationen überhaupt abrufbar sind. Die Handreichung weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass der Internetauftritt selbst eine Hürde sein kann: Informationen zur Barrierefreiheit können im schlechtesten Fall gar nicht abgerufen werden – etwa wegen zu komplexer Bedienflächen, zu geringer Kontraste, zu kleiner Schrift oder fehlender Untertitel bei Ton (Handreichung, S. 10).

Wichtig ist hier die Konsequenz: Es geht nicht nur darum, „mehr Infos“ zu liefern, sondern darum, die Informationsinfrastruktur barriereärmer zu machen. Die Handreichung nennt als Beispiele Assistenzsoftware (Eye-Able) und einfache Barriere-Checks (z. B. AChecker, ColorOracle) als Unterstützung (Handreichung, S. 10). Das ersetzt keine Nutzer*innenperspektive – aber es ist ein realistischer Einstieg, um grobe Hürden zu reduzieren.

Vor Ort: Transparenz ist Orientierung

Transparenz ist nicht nur ein Online-Thema. Vor Ort entscheidet sie oft darüber, ob Menschen sich selbstständig bewegen können oder auf Hilfe angewiesen sind. Die Handreichung zeigt das am Beispiel von Sehbehinderung: Kontrastreiche Gestaltung bei Hinweisschildern und Markierungen ist wichtig, und Leitsysteme (z. B. taktile Bodenindikatoren) unterstützen Orientierung im und um den Veranstaltungsort (Handreichung, S. 30).

Für Mobilitätseinschränkungen formuliert sie es ähnlich handfest: Das Barrierefreiheitskonzept soll auch vor Ort sichtbar gemacht werden – etwa durch Piktogramme oder Hinweisschilder, damit Menschen z. B. schnell finden, wo die nächste barrierefreie Toilette ist (Handreichung, S. 40). Das ist Transparenz als räumliche Lesbarkeit.

Transparenz nach innen: Wenn das Team nicht Bescheid weiß

Ein typisches Problem in der Praxis: Informationen stehen irgendwo – aber niemand im Team fühlt sich zuständig oder kann verlässlich antworten. Die Handreichung empfiehlt deshalb explizit, das Barrierefreiheitskonzept vorab im Team zu besprechen, damit Team-Mitglieder bei Bedarf Fragen beantworten können (Handreichung, S. 40).

Der Nachhaltigkeits-Leitfaden argumentiert ähnlich, nur aus einer anderen Perspektive: Transparente Kommunikation von Nachhaltigkeitsmaßnahmen soll nicht nur nach außen wirken, sondern auch Mitarbeitende einbinden (z. B. über Feedback und Evaluation) und sie befähigen, bei Fragen Auskunft zu geben (Nachhaltige Veranstaltungen in Trier, S. 27). Die Checkliste greift das im Abschnitt „Kommunikation/Werbung“ ebenfalls auf, etwa über Schulung und Wissensvermittlung im Team (Checkliste, S. 6).

Transparenz ohne Selbstlob: Glaubwürdigkeit statt ‚Inklusions-PR‘

Transparenz ist schnell missverstanden als „gutes Tun und darüber sprechen“. Der Leitfaden nimmt genau diese Spannung ernst: Transparente Kommunikation soll positive Effekte vermitteln, aber sie soll auch zur aktiven Unterstützung motivieren – und dafür müssen Maßnahmen nachvollziehbar sein (Leitfaden, S. 27).

Ein guter Prüfstein aus dem Nachhaltigkeitskontext: Der Leitfaden empfiehlt, Transparenz über Produkte herzustellen (Lieferketten, Herkunft, Produktion) (Leitfaden, S. 28), und die Checkliste nennt eine „transparente und möglichst direkte Lieferkette“ als Kriterium (Checkliste, S. 1). Übertragen auf Inklusion heißt das: lieber weniger behaupten, aber konkret. „Wir arbeiten daran – aktuell können wir X, nicht Y; hier ist der Kontakt; hier ist der Rückzugsraum; hier sind die Wege“ ist glaubwürdiger als ein pauschales Label.

Was du aus Teil 2 mitnehmen kannst

  1. Transparenz ist Planbarkeit: Sie reduziert Unsicherheit und macht Teilnahmeentscheidungen möglich
  2. Transparenz ist Infrastruktur: Website und Vorabinfos müssen selbst barriereärmer sein, sonst bleiben Informationen unsichtbar
  3. Transparenz ist Orientierung: Sichtbare Hinweise, Kontraste und Leitsysteme machen den Raum lesbar
  4. Transparenz ist Teamarbeit: Wenn das Team nicht Bescheid weiß, hilft die beste Website wenig

Zum Weiterklicken

Konkrete Umsetzungsdetails stehen bereits in den FairWeg-Materialien. Für diesen Teil sind besonders relevant:

  • Handreichung „Inklusiver Veranstalten“: „Internetseite und Ansprechperson“ (S. 10).
  • Handreichung „Inklusiver Veranstalten“: „Kontrastreiche Gestaltung“ und „Leitsysteme“ (S. 30).
  • Handreichung „Inklusiver Veranstalten“: „Kommunikation vorab“ / „Kommunikation vor Ort“ + Team-Briefing (S. 40).
  • Leitfaden „Nachhaltige Veranstaltungen in Trier“: Kapitel „Kommunikation + Werbung“ (S. 27).
  • Checkliste „Nachhaltiges Veranstalten“: Grundsatz „in jeder Kategorie mindestens eine Maßnahme“ (S. 1) und Abschnitt „Kommunikation / Werbung“ (S. 6).
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